Living the Polish Dream

Foto: Steffen Möller

Foto: Steffen Möller

Steffen Möller wusste nicht, was er nach seinem Studium machen sollte, wanderte kurzerhand nach Polen aus – und wurde dort ein Star. Johannes aus unserem Polen-Team hat ihn kurz vor der Abreise nach Polen in Berlin getroffen.

Nicht einmal zwei Minuten hat Steffen Möller gebraucht, um mir eine Lektion in polnischer Gastfreundschaft zu erteilen. Wir treffen uns an einem frischen Aprilnachmittag in einem Altberliner Lokal auf der Potsdamer Straße, um über Polen aus der Sicht eines Deutschen, der irgendwie auch fast schon Pole ist, zu sprechen. Fragen über Fragen habe ich mir zu recht gelegt, Möller hingegen hat vor allem: Hunger. „Ich nehme den Wurstsalat, eine polnische Spezialität. Was möchten Sie? Ich lade Sie natürlich ein.“ Mein Beteuern, ich sei mit meiner Cola zufrieden, ignoriert er charmant und fragt mich ein zweites Mal, als er bestellt. Mein ohnehin kläglicher Widerstand bricht zusammen. „Es ist ein Gesetz in Polen, einen Gast dreimal zu fragen, wenn man ihm etwas anbietet. Alleine in Anwesenheit seines Gastes zu essen, geht überhaupt nicht.“

So lasse ich mir von Steffen Möller, Kabarettist, Bestseller-Autor und Fernsehstar, eine Portion Käsespätzle mit Salat spendieren. Dass Möllers Bekanntheitsgrad in Deutschland angesichts dieser in keiner Weise übertriebenen Bezeichnungen trotzdem eher begrenzt ist, ist nicht verwunderlich: die meisten seiner Erfolge hat er nicht hierzulande, sondern in Polen erreicht.

Eigentlich wollte er nur einen Sprachkurs machen

Es war der Blick auf das Schwarze Brett in der Uni, der Möller nach Polen bringen und somit die Weichen für sein künftiges Leben stellen sollte. 1969 geboren in der Nähe von Kassel und aufgewachsen in Wuppertal, beginnt er 1989 ein Studium der Philosophie und evangelischen Theologie, das ihn an die Freie Universität Berlin führt. 1993 entdeckt er an besagtem Schwarzen Brett ein Angebot für einen Polnisch-Sprachkurs in Krakau, zwei Wochen für 600 Mark. „Nach zwei Tagen in Krakau wusste ich bereits: Das ist mein Land“, so Möller. Ein Jahr später zieht er nach dem Abschluss seines Studiums fest nach Krakau und arbeitet als Deutschlehrer an der Universität. „Wenn man keine Ahnung hat, was man nach dem Studium machen soll, ist Deutschlehrer in Polen eine der besten Entscheidungen, die man treffen kann. So viele Menschen wie in keinem anderen europäischen Land wollen hier die deutsche Sprache lernen, und dazu lebt man einfach in einem tollen Land.“

Wiederum einige Jahre später nimmt er sein Hobby aus Schulzeiten wieder auf: das Kabarett. Als er zu einem seiner Auftritte in Krakau einen polnischen Fernsehproduzenten einlädt, erfährt sein Leben die nächste unverhoffte Wendung: Der Produzent engagiert ihn für die populäre Serie „M jak miłość“ („L wie Liebe“), in der er fortan fünf Jahre lang die Rolle eines deutschen Kartoffelbauern namens Stefan Müller besetzt. Weitere Engagements in Film und Fernsehen folgen, 2005 moderiert er gar einige Ausgaben des polnischen „Wetten, dass…?“. Doch als wäre das noch nicht genug, veröffentlicht er 2006 sein erstes Buch mit dem Titel „Polska da się lubić“ („Polen lässt sich mögen“), auf das zwei weitere Bücher folgen sollten. Wiederkehrendes Thema sowohl der Bücher als auch seines anderen Schaffens ist die Völkerverständigung zwischen Deutschen und Polen, wofür Möller bereits 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam.

Die Polen lieben ihre Heimat – und hassen sich dafür

Möller ist so tief wie selten zuvor ein Ausländer in die polnische Kultur eingetaucht, hat sich gleichzeitig jedoch den distanzierten, beobachtenden Blick des Außenseiters bewahrt. „Keine Frage, mit der polnischen Mentalität – Herzlichkeit, Höflichkeit und Humor – konnte ich mich sehr schnell anfreunden, und gerade sie macht das Leben in Polen auch für Einwanderer so lebenswert.“ Gleichzeitig aber sei die polnische Seele in manchen Dingen tief zwiegespalten. „Die Polen vertreten ihre Nationalidentität vor allem nach außen hin mit großem Stolz, unter sich sind sie jedoch ziemlich gut darin, sich selbst zu hassen.“ Anschauliches Beispiel dafür sei ein Bekannter Möllers, der eine mehrstündige Autofahrt von Warschau nach Berlin auf sich nahm, nur um deutsches Waschpulver zu kaufen. Denn: Polnische Produkte sind vor allem den Polen oft nicht geheuer.

Trotzdem sei es gerade dieses gewisse Absurde, das den besonderen polnischen Humor ausmache. Schmunzelnd erzählt Möller von polnischen Taxifahrern, denen die Taxilizenz entzogen wurde, die jedoch nicht daran dachten ihren Betrieb einzustellen, sondern als Anbieter von „Psychotherapie in Autos“ weiterhin Fahrgäste ans Ziel bringen.

Das deutsch-polnische Verhältnis sei dabei so gut wie nie, was beispielsweise die Vielzahl von Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Deutschland und Polen demonstriere. Höchste Zeit also, uns auf diesen bunten Mentalitäten-Mix der Polen einzulassen und die polnische Gastfreundschaft zu genießen. Die Käsespätzle waren übrigens vorzüglich.

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