Święty! Die Heiligsprechung von Johannes Paul II

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Sonntagmorgen gegen vier Uhr, die Luft ist kühl, die Straßen sind ruhig und ausgestorben. Warschau schläft. Nicht aber Annika und Johannes, die sich in aller Frühe zum Bahnhof und von dort aus nach Krakau aufmachen, um pünktlich in der Heimatstadt von Johannes Paul II zur Live-Übertragung der Doppelheiligsprechung und ihm und seinem Vorgänger Papst Johannes XXIII anzukommen.

Die Heiligsprechung des ehemaligen Papstes ist in Polen ein Event besonderer nationaler, aber auch umstrittener Bedeutung. Johannes Paul II, der mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla heißt, war der erste und bislang einzige polnische Papst. Zu Zeiten des Sozialismus unterstütze er die Opposition, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Transformation Polens nimmt die katholische Kirche mit ihm an der Spitze eine besonders starke Stellung in der Gesellschaft ein. In der Broschüre „The Pope of Freedom“ stellt die Kirche den Werdegang und die Besuche von Johannes Paul II in Polen dar und erläutert besonders seinen positiven Einfluss auf die Entwicklung Polens zu einem freien und unabhängigen Land. Andere werfen Johannes Paul II vor, zu konservativ zu sein. Er habe sich, im Gegensatz zum ebenfalls heiliggesprochenen Johannes XXIII gegen Abtreibung und Verhütung ausgesprochen und die Befreiungstheologie diffamiert.

Etwas müde, aber umso gespannter erreichen wir gegen 10 Uhr das „Sanktuarium der Göttlichen Barmherzigkeit“ im Krakauer Stadtteil Lagiewniki, hier wird die Zeremonie aus Rom übertragen. Die noch junge Gedenkstätte und Basilika ist Maria Faustyna Kowalska gewidmet, die Johannes Paul II selbst heilig gesprochen hatte. Auf dem Weg von der Tramhaltestelle zur Basilika lassen wir uns vom Strom der Menschenmassen mitziehen. Kleine Buden verkaufen an den Wegerändern Süßigkeiten, regionale Käsespezialitäten, Papstbilder und Rosenkränze. Endlich beim Sanktuarium angekommen, bietet sich uns ein beeindruckender Anblick: auf weiten Wiesenflächen vor der Basilika und vor zwei riesigen Videoleinwänden erstreckt sich ein Meer an Gläubigen. Schon kurz hinter dem Eingang ist kein Durchkommen mehr, bereits dort stehen Menschen aller Altersgruppen dicht an dicht und nehmen trotz des Gedränges in andächtiger Ruhe an der Zeremonie teil. Lautes Gerede oder Telefonieren wird mit bösen Blicken und Kopfschütteln quittiert. Obwohl nicht alle Sicht auf die Video-Überragung haben, können sie durch die Lautsprecher können Reden und Gesang auf dem ganzen Platz lauschen.

Auch Studierende wohnen der Zeremonie bei, so zum Beispiel Dorota Rose Grzywacz, 22 Jahre alt und Studentin der Theologie in Krakau. Sie schätzt besonders die Weltoffenheit des ehemaligen Papstes. „Für mich ist das ein sehr spezieller Tag, denn Johannes Paul II war immer besonders wichtig für mich“, erzählt sie. „Ein einfacher Mensch, der so offen für alle Menschen ist, der mit allen Arten von Gruppen reden kann. Diese Eigenschaft, offen für Andere zu sein, ist heute sehr wichtig. Ich möchte wirklich so offen sein, wie er. Ich bin froh, dass er jetzt ein Heiliger ist.“

Als wir uns nach Ende der Zeremonie auf den Rückweg zur Bahnstation machen, passieren wir einen Stand der Initiative „stoppedofili“. Eine Vertreterin der Initiative erklärt uns, dass Aufklärung zur Gleichheit der Geschlechter für Pädophilie verantwortlich sei, insbesondere wenn sie im öffentlichen Erziehungswesen stattfinde, und wirbt für sexuelle Abstinenz. So offen wie Johannes Paul II Dorota zufolge gewesen ist, sind womöglich nicht alle Katholiken in Polen.

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